Zwei Preise, zwei Signale – und plötzlich wird Energiemanagement interessant
Dynamische Stromtarife machen den Energiepreis zeitabhängig. Gleichzeitig gibt es mit § 14a EnWG für steuerbare Verbrauchseinrichtungen reduzierte Netzentgelte – und mit Modul 3 sogar ein zeitvariables Netzentgelt. Beide Modelle wollen Verbrauch zeitlich flexibler machen. Sie folgen aber nicht demselben Signal.
Das führt zu einer neuen Situation: Um 13 Uhr kann der energieseitige Preis sehr günstig sein, während das Netzentgelt im jeweiligen Netzgebiet gerade auf einer höheren Preisstufe liegt. Später kann das Verhältnis genau andersherum aussehen.
Die richtige Frage lautet deshalb nicht mehr nur „Wann ist Strom an der Börse billig?“, sondern: „Wann ist der zusätzliche Netzbezug für mein konkretes System insgesamt sinnvoll?“
Was ist ein dynamischer Stromtarif?
Bei einem dynamischen Stromvertrag orientiert sich der Arbeitspreis an den Preisen des Stromgroßhandels und kann sich mehrmals am Tag ändern. Für die Nutzung ist ein intelligentes Messsystem erforderlich. Seit 2025 müssen Stromlieferanten dynamische Tarife anbieten.
Die Bundesnetzagentur erklärt die Funktionsweise und Voraussetzungen auf ihrer Seite Dynamische Stromtarife. Wichtig: Der Börsenpreis ist nicht identisch mit dem vollständigen Endkundenpreis. Lieferantenbestandteile, Netzentgelte, Steuern, Umlagen und weitere Preisbestandteile kommen hinzu.
Was macht § 14a Modul 3?
Für neue steuerbare Verbrauchseinrichtungen wie private Wallboxen, Wärmepumpen und bestimmte Batteriespeicher gelten seit 2024 die neuen §-14a-Regeln. Im Gegenzug zur netzorientierten Steuerbarkeit gibt es reduzierte Netzentgelte.
Seit April 2025 kann Modul 3 zusätzlich zu Modul 1 gewählt werden. Der Netzbetreiber muss dafür zeitvariable Netzentgelte mit drei Preisstufen anbieten: Hochtarif, Standardtarif und Niedertarif. Die Zeitfenster werden für das jeweilige Netzgebiet festgelegt.
Die aktuellen Grundlagen beschreibt die Bundesnetzagentur zu den §-14a-Netzentgeltmodulen. Unser technischer Einstieg zur Steuerung ist Steuerbox, § 14a, Smart Meter und HEMS.
Beispiel 1: Börsenstrom billig, Netzentgelt hoch
Nehmen wir an, der dynamische Tarif signalisiert um 18 Uhr einen ungewöhnlich günstigen Energiepreis. Gleichzeitig liegt dieses Zeitfenster beim lokalen Netzbetreiber im Hochtarif von Modul 3. Soll der Speicher jetzt aus dem Netz laden?
Die Antwort lautet: nicht automatisch. Das Energiemanagement müsste die zusätzlichen Gesamtkosten dieser Kilowattstunde bewerten. Ist der energieseitige Preisvorteil größer als der Netzentgelt-Nachteil, kann Laden trotzdem sinnvoll sein. Ist er kleiner, kann Warten günstiger sein.
Zusätzlich zählt, wofür die Energie gebraucht wird. Wenn das Auto morgen früh voll sein muss oder der Speicher eine notwendige Reserve braucht, kann Versorgungssicherheit wichtiger sein als die theoretisch billigste Stunde.
Beispiel 2: Netzentgelt niedrig, Börsenstrom teuer
Umgekehrt kann ein Niedertarif-Fenster des Netzbetreibers auf eine Stunde mit relativ hohem Energiepreis fallen. Nur weil das Netzentgelt günstig ist, muss man dort nicht zwangsläufig laden.
Vielleicht kommt wenige Stunden später PV-Erzeugung, die Batterie ist noch ausreichend gefüllt oder der dynamische Energiepreis fällt danach stärker. Ein gutes System bewertet daher nicht nur den aktuellen Preis, sondern auch die nächsten Stunden.
Was müsste ein gutes HEMS eigentlich optimieren?
- dynamischen Energiepreis inklusive tariflicher Aufschläge,
- zeitvariables Netzentgelt nach Modul 3,
- PV-Erzeugungsprognose und aktuellen Überschuss,
- Ladezustand und Leistungsgrenzen des Stromspeichers,
- Abfahrtszeit und Energiebedarf des E-Autos,
- Wärmebedarf und zulässige Verschiebung der Wärmepumpe,
- Hausanschlussgrenzen und Prioritäten weiterer Verbraucher.
Das ist der Unterschied zwischen einer einfachen Tarif-App und einem echten Energiemanagement. Eine App kann einen günstigen Preis anzeigen. Ein HEMS muss entscheiden, ob und wie viel Energie das Gesamtsystem in dieser Stunde wirklich beziehen sollte.
Der Speicher macht aus Preisen Zeitverschiebung
Ein Batteriespeicher kann günstigen Netzstrom aufnehmen und später teureren Netzbezug vermeiden. Genau deshalb ist er für dynamische Tarife interessant. Die Wirtschaftlichkeit hängt aber von Preisdifferenz, Lade-/Entladeverlusten, Batterienutzung und den übrigen Preisbestandteilen ab.
Nur weil der Börsenpreis negativ ist, ist die geladene Kilowattstunde zuhause nicht automatisch kostenlos. Und nur weil ein späterer Börsenpreis hoch ist, entsteht aus jeder gespeicherten Kilowattstunde automatisch Gewinn.
Mehr dazu findest du in Stromspeicher aus dem Netz laden: Wann dynamisches Laden sinnvoll ist.
Wärmepumpe: Komfort setzt Grenzen
Eine Wärmepumpe hat thermische Flexibilität, aber sie ist kein beliebig verschiebbarer Verbraucher. Gebäude, Warmwasserspeicher und Heizflächen können Energie puffern, doch Raumtemperatur und Warmwasserkomfort setzen Grenzen.
Ein HEMS kann günstige Zeitfenster nutzen, indem es innerhalb dieser Grenzen Wärme vorzieht. Es sollte aber nicht die Heizung stundenlang sperren, nur weil der nächste Preis rechnerisch ein paar Cent günstiger aussieht.
Wallbox: meistens die flexibelste große Last
Beim E-Auto ist der Spielraum häufig größer. Wenn das Fahrzeug ab 18 Uhr angeschlossen ist und erst um 7 Uhr wieder gebraucht wird, stehen viele Stunden zur Verfügung. Das System kann innerhalb dieses Fensters Energie- und Netzentgeltpreise vergleichen und die günstigsten passenden Ladephasen auswählen.
Mit PV-Überschuss kommt eine dritte Option hinzu. Dann kann es sinnvoller sein, den Ladevorgang bis zum nächsten sonnigen Zeitfenster zu verschieben – solange die gewünschte Energiemenge bis zur Abfahrt sicher erreicht wird.
Unser Fazit: Jetzt beginnt die eigentliche Aufgabe des HEMS
Solange es nur einen festen Strompreis gab, war Energiemanagement vergleichsweise einfach: möglichst viel PV selbst verbrauchen. Mit dynamischen Tarifen, § 14a, steuerbaren Verbrauchern und Speichern entstehen mehrere zeitabhängige Signale gleichzeitig.
Das macht das System komplexer – aber auch wertvoller. Ein gutes HEMS optimiert nicht blind auf Börsenpreis oder Netzentgelt, sondern auf das Gesamtsystem aus Kosten, Technik, Prognose und Nutzerziel. Genau dort liegt die nächste Entwicklungsstufe der dezentralen Energieversorgung.



