Das Wesentliche in Kürze
Eine Insolvenz des Solarteurs ist eine Stressituation, aber meistens nicht so katastrophal wie sie im ersten Moment wirkt. Was tatsächlich verloren ist und was nicht, hängt stark davon ab, in welcher Phase die Anlage gerade ist.
Die ersten 14 Tage entscheiden viel: Unterlagen sichern, Insolvenzverwalter kontaktieren, keine eigenständigen Eingriffe an einer halbfertigen Anlage. Wer hier durchhängt, verliert oft wertvolle Optionen.
Hersteller-Garantien auf Module, Wechselrichter und Speicher bleiben bestehen, sofern die Anlage ordnungsgemäß installiert und abgenommen war. Diese laufen direkt zum Hersteller, nicht über den Solarteur.
Die Installateurs-Gewährleistung (5 Jahre Nachbesserungsanspruch nach BGB) ist faktisch verloren, weil niemand mehr leistet. Eine Insolvenzforderung kann angemeldet werden, die realistische Quote liegt aber bei 2 bis 10 %.
Anzahlungen sind je nach Zahlungszeitpunkt und Vertrag oft zum großen Teil verloren – außer es bestand eine Bürgschaft, Versicherung oder Insolvenzschutz, was bei kleineren Solarteuren leider die Ausnahme war.
Worum geht es eigentlich?
Die Insolvenzwelle in der Solarbranche 2024 und 2025 hat in Deutschland mehrere zehntausend Hauseigentümer betroffen – mit halbfertigen Anlagen, verlorenen Anzahlungen oder offenen Mängeln, für die plötzlich niemand mehr zuständig war. Auch im Niederrhein und im Ruhrgebiet ist das eine reale Erfahrung vieler Kunden – nicht nur bei kleinen lokalen Anbietern, sondern auch bei größeren Namen.
Wenn du diesen Artikel liest, ist die Situation vermutlich akut. Deshalb vorweg: Eine Insolvenz ist fast nie das Ende deiner Anlage. Was verloren ist, ist meistens Geld – Anzahlungen oder Nachbesserungsansprüche. Die Anlage selbst kann in praktisch allen Fällen weitergeführt, fertiggestellt oder repariert werden. Die Frage ist nur, durch wen und zu welchem Preis.
Im Folgenden findest du, was in den ersten 14 Tagen konkret zu tun ist, in welcher Phase deine Anlage sein kann und was das jeweils bedeutet, und was an Garantie und Vermögen tatsächlich auf dem Spiel steht. Keine Beruhigungsphrasen, sondern eine ehrliche Einordnung.
Die ersten 14 Tage: Was sofort zu tun ist
Die akute Phase nach Bekanntwerden der Insolvenz ist wichtig. Wer hier strukturiert vorgeht, hält sich Optionen offen.
1. Insolvenzbekanntmachung prüfen. Unter www.insolvenzbekanntmachungen.de nachschauen, ob und wann das Verfahren eröffnet wurde. Aktenzeichen, Insolvenzgericht und Insolvenzverwalter notieren. Diese Daten brauchst du später für jede Korrespondenz.
2. Alle Unterlagen sichern. Verträge, Anzahlungsquittungen, Rechnungen, E-Mail-Korrespondenz, Planungsunterlagen, Datenblätter, Inbetriebnahme- und Abnahmeprotokolle, Fotos vom Bauzustand. Ausdrucken und digital sichern – nicht nur auf dem Server des Solarteurs, der gleich nicht mehr existieren wird.
3. Zustand der Anlage dokumentieren. Bei halbfertiger Anlage: Fotos von allen Komponenten, was verbaut ist, was fehlt, wie der Zwischenstand aussieht. Das ist später wichtig für jeden Folge-Installateur und für eventuelle rechtliche Ansprüche.
4. Keine eigenständigen Eingriffe. Auch wenn die Versuchung groß ist – nicht selbst weitermachen, nicht selbst Komponenten umbauen, keinen Bekannten „mal eben" dranlassen. Das gefährdet Garantieansprüche und Versicherungsschutz.
5. Insolvenzverwalter kontaktieren. Schriftlich, per Einschreiben. Status der Anlage erfragen, eigene Forderungen ankündigen, Frist zur Forderungsanmeldung erfragen. Der Insolvenzverwalter ist nicht dein Gegner – er muss aber alle Gläubiger gleich behandeln.
6. Hersteller direkt kontaktieren. Bei verbauten Komponenten direkt beim Hersteller fragen: Wie ist der Garantiestatus? Welche Unterlagen werden für Garantieansprüche gebraucht? Viele Hersteller haben für Insolvenz-Betroffene spezielle Servicewege.
7. Forderungsanmeldung beim Insolvenzverwalter. Innerhalb der genannten Frist (meist 4 bis 8 Wochen nach Verfahrenseröffnung) müssen offene Forderungen formell angemeldet werden – Anzahlungen, Nachbesserungsansprüche, geleistete Vorkasse. Versäumte Fristen heißen meist: keine Beteiligung an der Insolvenzquote.
In welcher Phase ist deine Anlage?
Was konkret zu tun ist und was realistisch erreichbar ist, hängt entscheidend davon ab, wie weit die Anlage bei Insolvenzeröffnung war. Vier typische Phasen mit jeweils unterschiedlicher Ausgangslage:
Vier Phasen – was wem gehört und was zu tun ist
Anzahlung weg? Realistische Aussichten
Die Frage, die in praktisch jedem Fall zuerst kommt: Bekomme ich meine Anzahlung zurück?
Die ehrliche Antwort: meistens nur einen kleinen Teil. Insolvenzquoten – also der Anteil, der von angemeldeten Forderungen tatsächlich ausgezahlt wird – liegen in deutschen Regelinsolvenzen typisch bei 2 bis 10 %. Bei sehr geordneten Verfahren mehr, bei chaotischen weniger. Die Auszahlung erfolgt nach 1 bis 3 Jahren.
Was die Aussicht verbessern kann:
- Anzahlungsbürgschaft oder Vertragserfüllungsbürgschaft – falls der Solarteur eine hatte, springt die Bank ein
- Insolvenzschutzversicherung des Solarteurs (selten bei kleineren Betrieben, häufiger bei größeren Anbietern)
- Anzahlung per Kreditkarte: Manche Kreditkarten haben Käuferschutz, der greifen kann
- Anzahlung über einen Treuhand-Service: einige neuere Solaranbieter arbeiten mit Treuhandkonten, die im Insolvenzfall schützen
Was die Aussicht verschlechtert: Wenn der Solarteur schon vor der Insolvenz Liquiditätsprobleme hatte (was häufig der Fall ist) und die Anzahlung längst in andere Projekte oder Verbindlichkeiten geflossen ist. Dann ist auf dem Konto schlicht kein Geld mehr.
Wer noch keinen Vertrag unterschrieben hat oder vor einer großen Anzahlung steht, sollte sich vor allem damit beschäftigen, wie man so eine Situation überhaupt vermeidet – mehr dazu in unserem Artikel 0 € Anzahlung bei der Solaranlage – was steckt wirklich dahinter.
Garantien: Was bleibt und was wirklich verloren ist
Hier wird oft alles in einen Topf geworfen, dabei sind das zwei sehr verschiedene Dinge.
Hersteller-Garantien bleiben bestehen. Modul-Produktgarantie (typisch 12 bis 25 Jahre), Modul-Leistungsgarantie (25 bis 30 Jahre), Wechselrichter-Garantie (5 bis 12 Jahre), Speicher-Garantie (typisch 10 Jahre Produktgarantie). Diese Garantien gibt der Hersteller direkt – Solarteur oder Installateur sind nur Vermittler. Bei einer Insolvenz des Installateurs ändert sich an diesen Garantien nichts, sofern:
- die Anlage ordnungsgemäß installiert war (Inbetriebnahmeprotokoll)
- die Komponenten vom Solarteur an den Hersteller bezahlt waren (kein offener Eigentumsvorbehalt)
- du als Endkunde die Komponenten beim Hersteller registrieren kannst (manche verlangen Registrierung)
Installateurs-Gewährleistung ist faktisch verloren. Nach BGB § 634 hast du gegenüber dem Solarteur 5 Jahre lang Anspruch auf Nachbesserung bei Mängeln (bei Werkverträgen für Bauwerke). Bei einer Insolvenz besteht dieser Anspruch zwar weiter – aber niemand kann ihn mehr erfüllen. Eine Insolvenzforderung wegen Mängelbeseitigungskosten kannst du anmelden, die Quote liegt im realistischen 2-bis-10-%-Bereich.
Was das praktisch bedeutet: Wenn die Anlage einen Mangel hat, der unter Installateurs-Gewährleistung gefallen wäre, musst du jetzt einen anderen Fachbetrieb mit der Behebung beauftragen und die Kosten selbst tragen. Du kannst diese Kosten als Schadenersatzforderung im Insolvenzverfahren anmelden, wirst aber nur einen Bruchteil zurückbekommen.
Diese Unterscheidung zwischen Hersteller-Garantie und Installateurs-Gewährleistung ist die wichtigste juristische Klärung – sie wird in einem eigenen, vertiefenden Artikel behandelt.
Anlage fertigstellen lassen
Bei einer Anlage in Phase 2 oder 3 ist die meist drängendste Frage: Wer macht die Anlage fertig?
Der Insolvenzverwalter wird das Geschäft des Solarteurs in der Regel nicht weiterführen, sondern abwickeln. Manchmal werden Restaufträge an andere Firmen verkauft oder vermittelt – aber darauf solltest du dich nicht verlassen.
Der übliche Weg: Neuer Vertrag mit einem neuen Installationsbetrieb, der den Bauzustand übernimmt und fertigstellt. Wichtig dabei:
- Bestandsaufnahme des Bauzustands durch den neuen Betrieb – nicht über die Pläne des insolventen Solarteurs, sondern eigene Begehung
- Klärung des Eigentums an verbauten Komponenten (Eigentumsvorbehalt prüfen)
- Klarer separater Werkvertrag über die Restleistungen – keine Übernahme der alten Vertragsverhältnisse
- Separate Gewährleistung des neuen Betriebs auf die eigenen Leistungen (nicht auf die Vorleistung des Insolvenzfalls)
- Hersteller-Garantien neu aktivieren oder bestätigen lassen
Die Kosten der Fertigstellung musst du in voller Höhe tragen – sie als Forderung beim Insolvenzverwalter anzumelden ist möglich, bringt aber wie überall nur die Quote.
Wirtschaftlich heißt das: Du zahlst die Anlage in Summe oft doppelt – einmal die Anzahlung an den insolventen Solarteur (verloren bis auf Quote), einmal den vollen Betrag an den neuen Betrieb. Das ist bitter, aber meistens immer noch besser als eine halbfertige Anlage auf dem Dach zu haben.
Mängel an einer fertigen Anlage
Bei Phase 4 (Anlage in Betrieb) ist die Situation rechtlich klarer, aber praktisch je nach Mängelbild trotzdem aufwendig.
Mängel an Komponenten (Modul, Wechselrichter, Speicher): Direkt zum Hersteller. Mit Inbetriebnahmeprotokoll und Seriennummer ist das in der Regel unkompliziert. Hersteller stellen Ersatz, der Austausch erfolgt durch einen vom Hersteller zertifizierten Fachbetrieb.
Mängel an der Installation (Montage, Verkabelung, Einstellungen): Das ist der schwierige Fall. Diese Mängel fallen unter Installateurs-Gewährleistung – die der insolvente Solarteur nicht mehr erfüllen kann. Optionen:
- Ersatzvornahme durch einen anderen Fachbetrieb auf eigene Kosten
- Anschließend Insolvenzforderung wegen Mängelbeseitigungskosten anmelden (geringe Quote)
- Bei schwerwiegenden, sicherheitsrelevanten Mängeln: Versicherung prüfen (manchmal greift Gebäudeversicherung)
Wichtig vor jeder Mängelbeseitigung: Bestandsaufnahme durch einen unabhängigen Sachverständigen, falls der Mangel später Gegenstand einer Forderung sein soll. Ohne Beweissicherung wird die spätere Geltendmachung schwierig.
Service und Wartung neu organisieren
Selbst wenn die Anlage technisch ohne Mängel läuft, fällt mit der Insolvenz der Solarteur als Ansprechpartner für Wartung, Monitoring und Service weg. Das ist nicht akut dramatisch, sollte aber organisiert werden:
Monitoring. Wenn der Solarteur die Anlagenüberwachung gehostet hat, kann der Zugang verlorengehen. Wechselrichter und Speicher bieten meist eigene Hersteller-Portale – Zugang neu einrichten, alte Zugänge dokumentieren.
Wartung. Inspektion, Sichtprüfung, Modul-Reinigung bei Bedarf – kann ein anderer PV-Fachbetrieb übernehmen. Empfohlen alle 2 bis 4 Jahre.
Im Schadensfall. Klären, welcher Fachbetrieb im Schadensfall (Brand, Sturm, Wassereintritt) zuständig wäre. Das gehört in den Versicherungsunterlagen aktualisiert.
Was sich daraus für die Zukunft lernen lässt
Wer einmal in dieser Situation war, will nicht wieder in sie geraten. Ein paar Lehren, die sich aus den Erfahrungen der Insolvenzwelle 2024/2025 ziehen lassen:
Anzahlungen kritisch hinterfragen. Branchenüblich sind 30 bis 50 % Anzahlung – das ist gleichzeitig das, was im Insolvenzfall verloren geht. Modelle ohne oder mit minimaler Anzahlung, mit Bürgschaft oder mit Treuhandschutz reduzieren das Risiko substantiell.
Vertragspartner prüfen. Größe und Etabliertheit sind keine Garantie (auch große Anbieter sind insolvent gegangen), aber lange Firmenhistorie, Meisterbetrieb-Status, Bonitätsauskunft und Erfahrungswerte aus dem regionalen Umfeld geben mehr Sicherheit als ein günstiger Onlinepreis.
Förderungen, die Anzahlungen schützen, nutzen. KfW-Programme zahlen oft erst nach Inbetriebnahme aus – das ist kein Versehen, sondern Schutz.
Hersteller-Garantien dokumentieren. Direkt beim Hersteller registrieren (wo möglich), Seriennummern und Belege selbst archivieren. Damit ist die Anlage selbst bei Insolvenz des Installateurs maximal abgesichert.
Lokale Betriebe haben einen Vorteil. Nicht in der Risikofreiheit – auch lokale Betriebe können insolvent werden. Aber im Schadens- oder Insolvenzfall hast du persönliche Ansprechpartner, klare Wege, oft auch eine Nachbarschaft, die mitbekommt, wenn etwas nicht stimmt. Online-Anbieter aus 500 km Entfernung sind im Krisenfall häufig schwerer zu greifen.
Fazit
Eine Insolvenz des Solarteurs fühlt sich im ersten Moment an wie ein Totalausfall. Praktisch ist sie das in den seltensten Fällen. Die Anlage selbst läuft weiter oder kann fertiggestellt werden – was verloren ist, ist meistens Geld in Form der Anzahlung und der Installateurs-Gewährleistung, nicht die Substanz der Investition.
Was den Unterschied macht zwischen einem ärgerlichen Erlebnis und einem echten Verlust: Die ersten 14 Tage. Wer Unterlagen sichert, den Bauzustand dokumentiert, fristgerecht Forderungen anmeldet und Hersteller-Garantien aktiv hält, hat fast immer eine tragfähige Lösung.
Wir übernehmen am Niederrhein und im Ruhrgebiet regelmäßig Anlagen aus Insolvenzfällen – sowohl Fertigstellungen halbfertiger Projekte als auch Übernahme von Service und Mängelbeseitigung. Wenn du in einer solchen Situation bist, lohnt sich ein direkter Termin vor Ort, bei dem wir Bauzustand und Optionen gemeinsam durchgehen.



