Visualisierung einer PV-Anlage mit Speicher, Hausverbrauch und Netzeinspeisung
meinung

Wenn Rechenbeispiele mehr erzählen, als sie sollen

Warum der 1KOMMA5°-Beitrag zur Direktvermarktung eine genauere Einordnung verdient
PEAK.Energy
18.04.20267 Min
Direktvermarktung
EEG
Marktprämie
Anlagenplanung
§14a EnWG
1KOMMA5°
Handwerk
1KOMMA5° hat Mitte April einen Beitrag zur Direktvermarktung veröffentlicht, der zeigen soll, was auf Betreiber von Solaranlagen zukommen könnte, wenn die feste EEG-Einspeisevergütung durch Direktvermarktung ersetzt wird. Das Ergebnis klingt deutlich: bis zu 64 % weniger Einnahmen ohne Marktprämie, 22 % weniger mit Marktprämie – und wirtschaftlich besser werde es erst mit intelligenter Steuerung, Batterie und dynamischem Stromtarif. Also mit genau den Komponenten, die 1KOMMA5° selbst anbietet. Wir haben uns den Beitrag angesehen. Die einzelnen Zahlen sind weitgehend nachvollziehbar. Die Art, wie das Beispiel gebaut ist, erzählt aber eine Geschichte, die wir aus der Praxis so nicht teilen. Wir schreiben das nicht aus Prinzip gegen einen großen Anbieter. Wir schreiben es, weil wir Anlagen planen, bauen und später auch wieder anfassen müssen, wenn sich Anforderungen ändern. Aus dieser Perspektive ordnen wir den Beitrag ein.

Was der Beitrag rechnet – und was dadurch entsteht

Die Beispielrechnung arbeitet mit einer 10-kWp-Anlage und einem Jahresertrag von 10.600 kWh. Im Ausgangsszenario ohne Batterie werden davon 1.800 kWh selbst verbraucht, also rund 17 %. Der große Rest wird eingespeist. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein typisches Standardszenario. Auf den zweiten Blick ist es eine sehr spezielle Konstellation: Für einen Haushalt mit rund 4.000 kWh Jahresverbrauch, ohne Wärmepumpe und ohne Elektroauto, ist eine 10-kWp-Anlage bereits eine eher großzügige Auslegung. Genau das ist wichtig. Denn je größer der Stromüberschuss, desto stärker hängt die Wirtschaftlichkeit an der Vergütung pro eingespeister Kilowattstunde. Jeder Cent Unterschied zwischen EEG-Satz, Marktwert und Vermarktungskosten wirkt dann maximal. Die zugespitzten Aussagen wie „64 % weniger“ oder „22 % weniger“ entstehen also nicht nur aus dem Marktmodell selbst, sondern auch aus der Wahl eines Beispiels, bei dem sehr viel Strom ins Netz gedrückt wird.

Warum die Anlagengröße im Rechenbeispiel so entscheidend ist

Für uns als Handwerksbetrieb ist das der zentrale Punkt: Nicht jede formal richtige Rechnung ist automatisch eine faire Vergleichsrechnung. Wenn ich ein Beispiel so baue, dass ein Haushalt einen sehr hohen Stromüberschuss erzeugt, dann wird die Einspeisung automatisch zum dominierenden wirtschaftlichen Hebel. Das ist mathematisch sauber – aber es ist nicht neutral. Für einen durchschnittlichen Haushalt ohne zusätzliche Großverbraucher würden wir eine solche Größe nicht pauschal ansetzen. Nicht, weil 10 kWp grundsätzlich falsch wären, sondern weil Planung immer vom tatsächlichen Bedarf, vom Dach, vom Lastprofil und von den nächsten Jahren im Haushalt ausgehen sollte. Mit Wärmepumpe, Wallbox oder absehbar höherem Stromverbrauch kann mehr Leistung absolut sinnvoll sein. Ohne diese Faktoren wirkt das Beispiel aus unserer Sicht aber so gewählt, dass ein bestimmter Effekt maximal sichtbar wird.

Was bedarfsgerechte Planung konkret bedeutet

Für einen Vier-Personen-Haushalt mit rund 4.000 kWh Jahresverbrauch und ohne zusätzliche Großverbraucher würden wir nicht mit 10 kWp als Startpunkt in die Beratung gehen. In unserem konservativen Rechenmodell ergibt sich in solchen Fällen häufig eher eine Größenordnung von etwa 5 kWp mit 6 kWh Speicher als wirtschaftlich sinnvolle Ausgangsbasis. Das ist keine Sparlösung, sondern folgt einer einfachen Logik: Jede selbst verbrauchte Kilowattstunde ist heute ökonomisch deutlich wertvoller als eine eingespeiste. Bei einem Strompreis von rund 35 ct/kWh und einer Einspeisevergütung von 7,78 ct/kWh ist selbst genutzter Solarstrom heute gut viereinhalbmal so viel wert wie eingespeister. Die Rechnung für diesen Modellhaushalt – direkt aus unserem Live-Rechner:
  • Jahresertrag konservativ gerechnet: 4.750 kWh
  • Autarkiegrad: rund 71 %
  • Selbst gedeckter Haushaltsbedarf: etwa 2.840 kWh von 4.000 kWh
  • Netzeinspeisung: etwa 1.910 kWh
  • Jährliche Ersparnis plus Einspeisevergütung: rund 1.157 €
  • Über 20 Jahre: rund 23.140 € ohne angenommene Strompreissteigerung
Bei einem Investitionsvolumen von etwa 10.000 € ergibt sich daraus eine rechnerische Amortisationszeit von rund 8,6 Jahren. Zum Vergleich: 1KOMMA5° setzt an anderer Stelle für eine 10-kWp-Anlage ohne Speicher typischerweise rund 15.000 € an. Selbst mit diesem Referenzwert bleibt unser Kernpunkt derselbe: Für viele Standardhaushalte ist nicht die größte Anlage die robusteste wirtschaftliche Lösung, sondern die passend dimensionierte. Anders gesagt: Die kleinere, bedarfsgerecht geplante Anlage kann pro investiertem Euro die robustere Lösung sein – gerade weil sie weniger stark von der Einspeisevergütung abhängt und stärker vom Eigenverbrauch lebt.

Wo der Beitrag asymmetrisch rechnet

Was uns neben der Anlagengröße noch auffällt: Der Beitrag arbeitet in den verschiedenen Szenarien nicht durchgehend mit demselben Maßstab. 1. Basisszenario eng – Lösungsszenario großzügig Im Ausgangsszenario wird bewusst schlicht gerechnet: ohne zusätzliche Steuerung, ohne Sektorkopplung, ohne intelligente Lastverschiebung. Im optimierten Szenario kommen dann plötzlich mehrere Hebel zusammen: Batterie, intelligentes Energiemanagement, dynamischer Stromtarif und Einsparpotenziale rund um §14a EnWG. Daraus wird ein Gesamterlös von 1.368 € pro Jahr abgeleitet – angeblich 29 % über dem Status quo. Das Problem ist nicht, dass diese Hebel grundsätzlich wirken können. Das Problem ist, dass die Herleitung im Beitrag nicht so offen gemacht wird, dass man das Ergebnis sauber nachrechnen könnte. 2. Langfristige Effekte bleiben außen vor In keiner der Varianten werden typische Langfristfaktoren sauber mitgeführt, die in eine belastbare 20-Jahres-Betrachtung eigentlich hineingehören. Dazu zählen zum Beispiel Moduldegradation, mögliche Ersatzinvestitionen wie ein späterer Wechselrichtertausch oder auch die Alterung eines Batteriespeichers. Keine dieser Größen zerstört eine gute PV-Wirtschaftlichkeit. Aber sie gehören in eine seriöse Langfristbetrachtung hinein – vor allem dann, wenn auf der Gegenseite mit sehr konkreten Eurobeträgen argumentiert wird. 3. Vermarktungskosten wirken eher günstig angesetzt Der Beitrag setzt für den Direktvermarkter 150 € pro Jahr an und weist selbst darauf hin, dass diese Kosten auch höher ausfallen können. Gerade bei Kleinanlagen ist das ein sensibler Punkt. Denn Vermarktungs-, Mess- und Steuerungskosten wirken direkt gegen die angeblich bessere Lösung. Unser Punkt ist nicht, dass 150 € unmöglich wären. Unser Punkt ist: Die Annahme wirkt eher günstig – und die Bandbreite der tatsächlichen Kosten wird im Haupttext nicht wirklich sichtbar gemacht.

Dynamische Netzentgelte und §14a gibt es nicht nur mit Plattform

Einen Kerngedanken des Beitrags teilen wir ausdrücklich: Steuerbare Verbraucher sind ein wichtiger Hebel. Ohne intelligente Steuerung, Lastverschiebung und netzdienliche Einbindung werden wir die Energiewende im Gebäudebereich nicht sauber organisieren können. Auch §14a EnWG ist ein reales Thema. Wer Wallbox, Wärmepumpe oder andere steuerbare Verbrauchseinrichtungen sinnvoll einbindet, kann von reduzierten Netzentgelten oder pauschalen Entlastungen profitieren. Wichtig ist aber: Das ist kein exklusives Feature eines einzelnen Plattformanbieters. Es ist ein gesetzlicher Rahmen. Wer steuerbare Verbraucher sauber plant, technisch korrekt anmeldet und sinnvoll ins Gesamtsystem integriert, kann diese Vorteile grundsätzlich auch ohne geschlossenes Ökosystem nutzen. Dafür braucht es keine bestimmte Marke, sondern passende Technik, saubere Auslegung und ein funktionierendes Mess- und Steuerungskonzept. Auch dynamische Stromtarife sind kein Plattformprivileg. Sie können wirtschaftlich sinnvoll sein – wenn das Verbrauchsprofil dazu passt und wenn es tatsächlich Lasten gibt, die verschoben werden können.

Was gute Planung aus handwerklicher Sicht ausmacht

Große Plattformanbieter haben ohne Frage Vorteile: standardisierte Prozesse, skalierbare Software, gebündelte Vermarktung. Aber genau dort liegt auch ein Zielkonflikt: Wer standardisierte Pakete verkauft, braucht standardisierte Lösungen. Haushalte sind aber selten standardisiert. Wir als regionaler Fachbetrieb arbeiten anders:
  • Wir planen herstelleroffen und verbrauchsbezogen.
  • Wir denken zuerst in Lastprofilen und Nutzungsverhalten, nicht in Plattformpaketen.
  • Wir kennen Netzbetreiber, Messkonzepte und die praktische Umsetzung vor Ort.
  • Wir sind bei Fragen, Service und Störungen erreichbar – nicht in einem weit entfernten Ticketsystem.
Unser wirtschaftliches Interesse ist nicht, möglichst viel Technik in ein Haus zu stellen. Unser Interesse ist, eine Anlage so zu planen, dass sie wirtschaftlich sinnvoll läuft, technisch sauber integriert ist und dem Kunden langfristig nützt.

Unsere Rechengrundlage: offen und konservativ

Wenn wir fremde Beispielrechnungen kritisieren, müssen wir die eigene Methodik am gleichen Maßstab messen. Deshalb offen, wie unser Live-Rechner die Zahlen in diesem Beitrag bildet:
  • Jahresertrag: 950 kWh pro kWp
  • Strompreis: 35 ct/kWh
  • Keine eingerechnete Strompreissteigerung
  • Amortisation als einfache Division aus Investition und Jahresvorteil
  • Der Rechner ist eine Orientierung, kein Angebot
Das echte Angebot entsteht bei uns erst nach Dachprüfung, Verschattungsanalyse, Netzabfrage und Blick auf das reale Verbrauchsprofil. Diese Methodik produziert keine besonders lauten Überschriften. Sie produziert Zahlen, die man nachvollziehen und nachrechnen kann. Für uns ist genau das seriöse Planung.

Fazit: Ehrliche Zahlen statt dramatischer Schlagzeilen

Der 1KOMMA5°-Beitrag ist in den Einzelrechnungen nachvollziehbar aufgebaut – und im Gesamtaufbau deutlich aus Anbieterperspektive gedacht. Er arbeitet mit realen Marktdaten, wählt aber ein Beispiel und eine Szenarienlogik, die das gewünschte Narrativ stützen: erst Problem maximieren, dann Lösung verkaufen. Das heißt nicht, dass die Grundaussage vollständig falsch ist. Es heißt nur: Man sollte genauer hinsehen, bevor man daraus allgemeine Schlüsse für typische Haushalte zieht. Unser Kompass bleibt derselbe:
  • Ja zu Direktvermarktung und praktikablen Marktprämienmodellen.
  • Ja zu §14a-konformen Anlagen, die aktiv am Netz teilnehmen.
  • Ja zu dynamischen Tarifen, wenn sie zum Verbrauch passen.
  • Nein zu pauschal überdimensionierten Anlagen.
  • Nein zu asymmetrischen Rechenmodellen.
  • Nein zur Behauptung, wirtschaftliche PV funktioniere nur im geschlossenen Ökosystem.
Wenn du eine Anlage planst und dir unsicher bist, welche Aussagen belastbar sind: Wir rechnen dir deine Situation transparent durch. Mit realem Verbrauch, passender Anlagengröße und nachvollziehbaren Annahmen. Ohne Lock-in, ohne Abo-Modell und ohne dramatische Schlagzeile.

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